Nikon D70s

nikon-d70s.jpgDie Kamera ist GROSS! Jedenfalls verglichen sowohl mit den üblichen kompakten Digitalkameras als auch mit dem direkten Konkurrenten Canon EOS 350D. Auch letzteren habe ich beim Fotohändler ausgiebig “begrapscht”, allerdings war für mich gerade das deutlich kleinere Gehäuse der Canon schon wieder ein KO-Kriterium. Sicherlich ist es angenehmer, eine kleine Kamera mit sich herumzuschleppen, aber ein Mensch mit großen Händen braucht auch eine entsprechend große Kamera, um sie einigermaßen ergonomisch bedienen zu können. Auch sorgen Gewicht und Größe dafür, daß Verwackler eher selten auftreten. Mit einem Gewicht von 600g (ohne Objektiv!) hat man mit der D70s schon einen schönen Kasten in der Hand - allerdings noch kein Vergleich z.B. zur analogen Nikon F100.

Die D70s liegt sehr gut in meinen Händen, alle Bedienelemente sind problemlos und nach einer kurzen Einarbeitungszeit auch weitestgehend blind erreich- und bedienbar. Das schwarze Gehäuse macht einen edlen und professionellen Eindruck.

Das Kit-Objektiv Nikkor AF-S 18-70 ist schnell angebracht, wobei man beim Umstieg von einer analogen Spiegelreflexkamera daran denken sollte, daß bei der Digi der Aufnahmechip recht frei und schmutzempfindlich in der Gegend herumliegt. Der Objektivwechsel sollte also möglichst in sauberer Umgebung stattfinden, nicht zu lange dauern und mit nach unten gerichteter Kamera erfolgen. Ein verschmutzter Sensor schreit nach einem Werkstattaufenthalt oder aber nach pfrimliger, nicht ganz unkritischer Selbstbastelei.

Nun noch den Akku und die (nicht mitgelieferte!) Speicherkarte einlegen und es kann losgehen.

Erste Schritte

Nikon liefert sowohl eine Schnellstart-Anleitung als auch eine ausführlichere Bedienungsanleitung mit - aber wer möchte sich schon nach so einer Neuanschaffung mit lauter Papierkram rumschlagen? Die Schnellanleitung muß also genügen.

Akku und Speicherkarte sind eingelegt, die Kamera auf Automatik gestellt, und los geht es!

Die erste freudige Überraschung für den bisher an kompakte Digitalkameras gewöhnten Fotografen stellt sich schon beim Blick durch den Sucher ein. Hell und vor allem groß ist das gute Stück! Kein Vergleich zu den kleinen Gucklöchern z.B. der Olympus C-2100 oder der Minolta Dimage Z3. Allerdings auch noch kein Vergleich zur bereits erwähnten analogen Nikon F100 - die spielt da noch eine ganze Klasse höher. Trotzdem, der Sucher der D70s ist in meinen Augen gut gelungen.

Wer es als Digitalfotograf bisher gewöhnt war, den eingebauten Monitor auch als Sucher zu verwenden, wird enttäuscht sein: wie bei jeder “echten” digitalen Spiegelreflexkamera ist dies auch bei der D70s nicht möglich. Der Monitor (im Vergleich zum Vorgängermodell auf 2 Zoll vergrößert) dient nur der Menübedienung sowie dem Betrachten bereits geschossener Fotos. Mich persönlich stört dies nicht, ich habe auch bei meinen vorherigen Digis fast immer den optischen Sucher benutzt. Einschränkungen kann es allerdings bei bestimmten Aufnahmesituationen geben, wenn man das Auge halt nicht so einfach hinter den Sucher stecken kann.

Die D70s bietet verschiedene Programmmodi an, unter anderem auch eine Komplett-Automatik, die für den Anfang genügen muß. Schnell einige Bilder in verschiedenen Aufnahmesituationen gemacht, um einen ersten Eindruck zu bekommen. Der bisherige Digital- oder Kompaktfotograf wird evtl. den Zoomhebel vermissen - gezoomt wird direkt am jeweiligen Objektiv. Man gewöhnt sich aber sehr schnell daran und weiß sehr bald zu schätzen, daß man auf diese Art und Weise viel sanfter und akkurater die Brennweite verändern kann.

Beim leichten Antippen des Auslösers stellt der Autofocus scharf - und das mit einer sehr hohen Geschwindigkeit. Auslöser richtig durchdrücken, und schon ist die Aufnahme im Kasten. Die Geschwindigkeit vom Einschalten der Kamera bis hin zum fertigen Foto ist einer der riesigen Vorteile einer Spiegelreflexkamera - da kommt keine digitale Kompaktkamera mit. Wer schon einmal einen tollen Schnappschuß verpaßt hat, bloß weil sich die Kamera noch nicht bequemen konnte, endlich auszulösen, wird dafür sehr dankbar sein.

Gespeichert werden die Bilder im JPEG- und/oder RAW-Format (bei Nikon NEF genannt). Ich habe es erst einmal mit JPEG probiert.

Auf den Rechner übertragen werden die Bilder per USB 2-Anschluß. Dessen Geschwindigkeit konnte ich nicht ausprobieren, da ich nur USB 1.1 am Computer habe und sowieso lieber meinen Firewire-Cardreader verwende. Hier kam dann die Ernüchterung: so wirklich toll sahen die Bilder nicht aus, ich mußte sie per Photoshop doch erstmal etwas “aufhübschen”. Die Farben wirkten zum Beispiel eher blaß. Woran konnte das liegen? Vielleicht sollte man ja doch mal einen Blick in die ausführlichere Anleitung werfen.

Das “richtige” Fotografieren

An diesem Punkt bemerkt man, daß man es nicht einfach mit einer aufgeblasenen Kompaktkamera mit Wechselobjektiv zu tun hat, die dem Fotografen die komplette Arbeit abnimmt, sondern eher mit einem “Arbeitsgerät”, welches sich nicht nur den Ansprüchen des Fotografen stellt sondern umgekehrt auch selber Ansprüche an den Fotografen richtet. Wer einfach denkt, es würde reichen, sich eine teure Spiegelreflexkamera zu kaufen und damit automatisch bessere Bilder als mit der bisherigen Kompaktknipse zu machen, der hat sich geschnitten. Ist man sich aber darüber im Klaren und auch bereit, ein wenig Zeit sowohl in die Kamera als auch in die Nachbereitung der Bilder zu investieren, belohnt einen die Kamera mit wirklich sehr guten Bildern.

Zuerst habe ich das Speicherformat auf NEF umgestellt. Um diese Bilder weiterzuverarbeiten, braucht es ein spezielles Programm. Man kann entweder das von Nikon selber mitgelieferte Nikon View verwenden oder aber eines der vielen RAW-Programme, die es mittlerweile auch auf dem Shareware-Sektor gibt. Ich selbst benutze Photoshop CS. Die Umwandlung der RAW-Daten könnte man mit der Laborarbeit in der analogen Fotografie vergleichen, viele Einstellungen wie Farbsättigung, Helligkeit, Kontrast werden erst hier endgültig festgelegt. Somit kann man aus dem gleichen Ursprungsmaterial mehrere völlig unterschiedliche Fotos erzeugen. Natürlich ist dafür dann ein guter, ordentlich kalibrierter Monitor ein Muß!

Es gibt Fotografen die sagen, daß so eine “Profikamera” keinen kompletten Automatikmodus bräuchte, das wäre doch Kinderkram. Dem kann ich nicht zustimmen, gerade zum Heranführen an die Spiegelreflex-Fotografie ist der Automatikmodus (mit der eh notwendigen Nachbearbeitung) durchaus hilfreich. Wie sagt man so schön? Der Appetit kommt beim Essen. Früher oder später beginnt dann jeder, sich an die vielfältigen manuellen Möglichkeiten heranzutasten. Dies braucht Zeit und Muße, sich sowohl mit den Grundlagen der Fotografie als auch mit den technischen Möglichkeiten der D70s zu beschäftigen. Die verschiedenen Automatik-Modi der Kamera bieten aber die Möglichkeit, schon von Anfang an erfreuliche Resultate zu erzielen. Der Drang, es vielleicht noch besser zu machen als die Automatik, kommt von ganz alleine. Und dann tut sich mit einer Spiegelreflexkamera dem Fotografen eine ganz neue Welt auf…

An der D70s ist - so man dies will - tatsächlich alles manuell einstellbar. Belichtungsmessung, ISO-Wert, Belichtungszeit, Blende, Weißabgleich, Blitzfunktionen - es gibt nichts, was man nicht der Kameraelektronik entreißen könnte. All das könnte man hier lang und breit aufzählen und beschreiben, allerdings würde man damit alsbald im Buchformat landen. Beschränken wir uns also darauf zu sagen, daß es geht. Und darauf, daß es leicht verständlich und einfach geht - so man sich ein wenig damit beschäftigt.

Einige Details

Die D70s nimmt Bilder mit einer maximalen Auflösung von 3008×2000 Pixeln, somit 6,1 Megapixeln auf. Dies reicht für 99 Prozent aller Anwendungen mehr als aus, ich habe schon Bilder im Format 50×75 ausbelichten lassen - und zwar mit sehr gutem Ergebnis. Wenn man mal davon ausgeht, daß die meisten Ausbelichtungen wohl in 9×13, 10×15 oder 13×18 erfolgen, wären schon 4MP vollkommen ausreichend, 6MP sind Spitze, eine noch größere Auflösung für die allermeisten Anwender absoluter Overkill. Da könnte man sich auch einen Cray Supercomputer anschaffen, um darauf Briefe zu schreiben. Es hat wenig Sinn, dem Megapixel-Hype der Industrie Jahr für Jahr hinterherzuhecheln.

Der CCD-Aufnahmechip kommt im APS-C-Format daher (23,7×15,6mm), ist also kleiner als Kleinbildformat. Dies wirkt sich auf die Brennweite der genutzten Objektive aus, es entsteht eine Brennweitenverlängerung von 1,5. Das bedeutet, daß z.B. das mitgelieferte 18-70mm-Objektiv zu einem (auf Kleinbildverhältnisse umgerechnet) 27-105mm-Objektiv mutiert. Dies ist ein Problem bei allen digitalen Spiegelreflexkameras, die nicht über einen (wesentlich teureren!) Vollformat-Sensor verfügen: der Weitwinkelbereich ist nur durch sehr teure Spezialobjektiv nutzbar. Das Kit-Objektiv 18-70 ist da schon eine Verbesserung zum mit dem Vorgängermodell verkauften 28-70, mit dem man schon sehr schnell an die Grenzen im Weitwinkelbereich stieß. Alles in allem ist - wie bei jeder Spiegelreflexkamera - das fertige Foto sehr vom verwendeten Objektiv abhängig. Und ein gutes Objektiv kostet schnell soviel wie der Kamerabody - wer das will kann auch problemlos den Wert eines guten Mittelklasseautos investieren.

Gespeichert wird auf Compact-Flash-Karten vom Typ 1 oder 2, auch Minifestplatten (Microdrive) sind möglich. Letztere verbrauchen mehr Strom als normale Flash-Speicher, bieten jedoch mehr Speicherplatz fürs Geld. Was man sich als Speicher anschafft muß man auf jeden Fall vom Einsatzgebiet der Kamera abhängig machen. Ein Urlaubsfotograf ist mit einem großen Microdrive gut bedient, wer hingegen auf schnelle Bildfolgen angewiesen ist, sollte sich eine schnelle Compact-Flash-Karte zulegen. Die D70s kann als eine der wenigen Kameras tatsächlich die Geschwindigkeitsvorteile schneller Speicherkarten auch wirklich ausnutzen. Dies zeigt sich z.B. bei Serienaufnahmen (besonders im JPEG-Format), wo die Kamera bei einem Microdrive oder einer langsamen Flash-Karte nach spätestens 12 Bildern eine Pause einlegt, um die Bilder vom internen Speicher auf die Speicherkarte zu übertragen. Bei einer Highspeed-Flash-Karte hingegen geht dies so schnell, daß man den Finger beinahe unbegrenzt auf dem Auslöser lassen kann.

Etwas Sorgen bereitete mir anfangs, daß die D70s nicht mit Standard-Akkus arbeitet sondern einen kameraspezifischen Lithium-Ionen-Akku mitbringt. Wenn der leer ist, kann man nicht einfach im nächsten Dorfkonsum AA-Batterien kaufen und damit weiterfotografieren. Ich habe mich allerdings eines Besseren belehren lassen: der Akku hält tatsächlich ewig und drei Tage! 1000 und mehr Bilder mit einer Akkuladung sind problemlos möglich - und wer wirklich einen Ersatzakku dabei haben möchte, findet mittlerweile auch dafür preiswerte Drittanbieter.

Der eingebaute Blitz ist … nun ja … ein eingebauter Blitz halt. Für einfache Ansprüche ausreichend, mehr aber auch nicht. Wer häufig bei ungünstigen Lichtverhältnissen fotografiert, wird um die Anschaffung eines zusätzlichen Blitzgerätes nicht herumkommen - aber das ist ja bei allen Kameras so.